Leseliste

Vorerst präsentieren wir hier unsere Top-Ten-Leseliste – bäuerliche Lebenswelten, ländliche Regionen, komplex und atmosphärisch evoziert:

  1. Berger, John. Von ihrer Hände Arbeit  (Trilogie). Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 2000. Vom kargen bäuerlichen Leben in den Savoyen – und vom Einbruch der Industrie und neuer Lebensformen. Leuchtende Prosa von John Berger.
  2. Bille, S. Corinna. Venusschuh . Zürich: Rotpunktverlag, (1952)/2015. Maldouraz in den Walliser Alpen: «Ein Dorf erhob sich inmitten der Finsternis gleich einer Pflanze oder einem wachsamen Tier. Über der Kirche, die wie ein Asbestfelsen schimmerte, drängten sich schmale Holzhäuschen in goldener Dunkelheit. Es war das letzte kleine, menschliche Lager auf der Erde, der letzte Wachtposten, danach kam nichts mehr.» 
  3. Del Amo, Jean-Baptiste. Tierreich. Berlin: Matthes & Seitz Berlin, 2019. Ein grauenvolles, blutiges Panorama, in dessen Mittelpunkt eine Schweinezüchter-Dynastie und deren “Rohstoff”, die Tiere, stehen. In diesem Roman ist die existentielle Not der Menschen genau so gross wie jene der Kreaturen in den Koben, Bestien sind sie alle. Und man kann, gleichermaßen angewidert wie fasziniert, gar nicht sagen, was sich mehr ins Gedächtnis einbrennt: Die Schilderungen des heruntergewirtschafteten, dreckstarrenden Hofes um 1900 am Anfang der Geschichte oder die hochindustrialisierte Tierfabrik als apokalyptischer Endpunkt der Entwicklung.
  4. Jacobsen, Roy. Die Unsichtbaren : eine Insel-Saga. München: C.H. Beck, 2019. “Netze in frostiger Kälte zu säubern und zu flicken, ist die schlimmste Arbeit, die es gibt. Es ist die Arbeit, die alle Hände hier draußen an der Küste zugrunde gerichtet hat, denn nur sie allein lässt sich nicht mit Fäustlingen ausführen (…)” heisst es in dieser Insel-Saga rund um Arbeit, Krieg, Liebe und Naturgewalten. Zu den eindrücklichsten Stellen gehören die Schilderungen des Überlebens im Winter, wenn der Frost die Inseln fest im Griff hat, die Winterstürme orkanartig sind, so stark, dass es unmöglich ist,  Wasser zu den Ställen zu bringen, “ohne dort mit leeren Eimern” anzukommen, wenn die Schafe von einem Eispanzer umgeben sind und wenn die Fangfahrten “ein Würfelspiel mit dem Tod” sind, “über zweihundert Mann gehen jeden Winter unter”. 
  5. Kinsky, Esther. Banatsko. Berlin: Matthes & Seitz, 2011. Ein sprachlich ausserordentlich fein ziseliertes Buch, das die Tristesse der Banatebene und ihrer Bewohner so genau wiedergibt, dass diese Atmosphäre fast körperlich spürbar wird.
  6. Tokarczuk, Olga: Ur und andere Zeiten.  Zürich: Kampa Verlag  (2000) 2019. Eine Dorfgeschichte der Nobelpreisträgerin. Im fiktiven ostpolnischen Städtchen Ur,  vermengen sich Märchen, Mythos, Zeitgeschichte – den Takt aber bestimmt der Kreisauf der Jahreszeiten, das bäuerliche Kalenderjahr, Werden und Vergehen in einem Mikrokosmos.
  7. Pennacchi, Antonio: Canale Mussolini. München: Hanser 2010. Authentische Einblicke: “Natürlich gibt es keine Familie Perruzzi im Agro Pontino, der die hier erzählten Dinge zugestoßen wären. (…). Es gibt jedoch im Agro Pontino keine Bauernfamilie aus Venetien, dem Friaul oder dem Ferraresischen – und auch das ist eine Tatsache -, der nicht wenigstens einige der Dinge zugestoßen wären,  die hier den Peruzzis zustoßen.
    In diesem, und nur in diesem Sinne sind die hier erzählten Tatsachen als strikt wahr zu betrachten.”
  8. Porter, Max. Lanny. Deutsche Erstausgabe. Zürich, Berlin: Kein & Aber, 2019. Ein ungewöhnlicher Dorfroman, mehrstimmig erzählt. Die Geschichte eines kleinen Jungen in einem abgelegenen englischen Dorf. Im Wechsel von vielen Stimmen ist auch die Stimme oder besser: der Bewusstseinsstrom einer mystischen Wesenheit zu vernehmen – “Altvater Schuppenwurz”, der halb Geist, halb Pflanze oder Kreatur, mal unterirdisch, dann wieder auf dem Boden oder in der Luft Teil des dörflichen Kosmos ist. Oder ist er der allgegenwärtige Naturgott Pan? Ein zumindest ungewöhnlicher, poetischer Einfall, um der “Essenz von Ländlichkeit” eine Stimme zu geben. 
  9. Seethaler, Robert. Ein ganzes Leben . München: Hanser, 2014. Schon der Romananfang ist meisterhaft: “An einem Februarmorgen des Jahres neunzehnhundertdreiunddreißig hob Andreas Egger den sterbenden Ziegenhirten Johannes Kalischka, der von den Talbewohnern nur der Hörnerhannes gerufen wurde, von seinem stark durchfeuchteten und etwas säuerlich riechenden Strohsack, um ihn über den drei Kilometer langen und unter einer dicken Schneedecke begrabenen Bergpfad ins Dorf hinunterzutragen.”
  10. Silone, Ignazio. Fontamara. Köln: Kiepenheuer & Witsch (1933) 2018. Archaische Welt in den Abruzzen, man schreibt die 1920er Jahre: «Das Elend war in Fontamara so althergebracht und naturgegeben wie Regen, Wind und Schnee. Das Leben der Menschen, der Tiere und der Erde schien in einem unveränderlichen Kreise eingeschlossen zu ein wie in einem Gefängnis… Ein Jahr war wie das andere, eine Generation wie die andere. Niemand konnte sich vorstellen, dass diese alte Art zu leben sich jemals ändern würde.»